Char Nidjam (Kalkini)
People at a little char

Char Nidjam (Kalkini)

11.03.2019 Ein Bootsfahrt von einer Stunde mit dem Schnellboot brachte uns heute zu einer sogenannten Char, einer Sandbank, die allenthalben im Delta auftauchen und manchmal für Jahrhunderte bleiben, aber auch innerhalb einer Regenzeitperiode unter Wasser geraten können. Ein Char (Sandbank) unterscheidet sich von einer Insel durch seine Provisorien und Unbestimmtheiten. Manchmal zieht nach Jahrzehnten langsam auch die Staatsmacht auf solch eine Sandbank ein, dann entstehen Straßen, Schulen und Brunnen. Wenn die Inselbildung fortgeschritten ist, bringt eine solche Sandbank auch ihre Politiker hervor, die sich dann für die weitere Etablierung des Chars zu einer Insel stark machen. Unser Gespräche drehten sich auf dem Char vor allem um die Sorgen der Inselbewohner, zu wenig Beachtung von der Politik zu finden, obwohl schon 1985 der damalige Premierminister Ershat auf der Insel weilte und Hilfe im großen Stil versprach. Aber natürlich waren die Gespräche der Char Bewohner vor allem für unsere Ohren bestimmt. Man erwartete sich Hilfe von Außen. Was waren die Sorgen und Argumente der Bewohner während des Gesprächs?

Auf der Insel leben 10.000 Bewohner, die sich alle mehr oder weniger selbst organisieren. Es gibt eine Hauptsiedlung, die vor wenigen Wochen eine zentrale Straße bekommen hat. Neben der Straße siedeln dicht an dicht Fischer, die neben der Fischerei landwirtschaftliche Subsistenzwirtschaft betreiben und mit den salzigen Bedingungen für die Landwirtschaft mehr oder weniger zurecht kommen. Die Haupteinkünfte kommen jedoch aus der Fischerei. Zu den Garten- und Feldbaufrüchten kommen eine Reihe Nutztiere: viele Gänse, Enten und Hühner – jede zweite Familie besitzt eine Kuh. Hunde gibt es nicht. In den letzten Jahren wurden einige Befestigungsmaßnahmen vorgenommen. Dämme wurden gebaut, Fundamente aufgeschüttet, Zyklon-Schutzhäuser gebaut, eine Grundschule in den Schutzzentren betrieben. Seit diesem Jahr gibt es auch 18 Polizisten, eine neue Polizeistation, die als Rathaus und als neue Schule genutzt wird. Neben der Grundschule gibt es eine Madrasa, die Quranunterricht bietet. Die Char Bewohner waren sich da nicht ganz sicher, ob sie das nicht lieber Maktab nennen sollten – Grundschule mit Quranunterricht.

Auf den Feldern wird versucht Paddy und Reis anzubauen, was aufgrund des Salzgehalts nur mäßig gelingt. Pflanzen, die das Salz gut verdauen können, sind Palmenbäume, Kokospalme, Brotbaum und Jackfruit.

Viel Land bleibt nur mässig genutzt, weil Salz die Landwirtschaft erschwert. Foto: Claudius Günther, 2019

Elektrisches Licht haben diejenigen, die sich ein Solarpanel leisten können. Eine Krankenversorgung gibt es nur außerhalb der Insel. Wer etwas von Außen braucht, bekommt es auf Bhola, der nächst gelegenen Insel. Auch die Forstbehörde hat auf dem Char einen Zyklon Schutzturm gebaut, der dem Förster hier als Büro- und Aufenthaltsort dient. Mobilfunk und Internet erreichen die Insel nicht. Die Forstbehörde versucht mit Bäumen Aufforstungsarbeiten durchzuführen. Diese werden in Baumschulen vor Ort großgezogen. Rehe wurden ausgesetzt, der Wald wächst aber nur mässig, so sind die Rehe durch die Nähe zum Menschen handzahm und lassen sich fast streicheln.

Eines der wichtigsten Errungenschaften der Menschen ist ihre in Ratsversammlungen durchgeführte kommunitäre Verfasstheit. So wird gemeinsam gebaut, Eigentum (Baumaterial) der Allgemeinheit (wie etwa Straßen und Dammbau) zur Verfügung gestellt.

Auch wenn die Ämter auf dem Char gewählte Vertreter hat, sind diese Vertreter häufig durch das Senioritätsprinzip verankert. Viele von den jetzigen Sprechern hatten schon Väter in den gleichen Ämtern.

Die Familien verheiraten ihre Töchter nach Außen. Diese Verheiratung geschieht früh und wird über Heiratsvermitterlinnen organisiert. Söhne holen sich die Töchter anderer Familien auf ihren Char. Der Garten und Hausgrund wird geteilt, eine Erweiterung der Wohnfläche gibt es nur durch weitere Aufschüttungen. Eine solche wurde für 200 weitere Besiedlungsflächen gerade erst aufgeschüttet. Obwohl es zweieinhalb Hektar ungenutztes Land gibt, das der Forstbehörde unterstellt ist, wird dieses nicht an die Dorfbewohner verteilt. Hier hat das Forstamt die Hand drauf. Der Forstebhörde wird auch unterstellt, Bäume abzuholzen und schwarz zu verkaufen. Auch wird ihr nachgesagt, das sie die Rehe verspeist.

Strohschuber, die meisten Bewohner sind zwar Fischer aber es gibt eine Vielzahl Bauern, die aber gegen das Salzwasser zu kämpfen haben. Bild: Claudius Günther, 2019

1971 gab es in der Gegend den letzten großen Sturm. Damals lebten nur 13 Fischer auf dem Char, von denen alle bis auf einen starben. Dieser lebt daraufhin auf einer anderen Insel. Die Bevölkerung des Chars wuchs also in den letzten 50 Jahren rasant an. Das Gespräch mit den Ältesten der Insel – Versammlung verankerte folgende Punkte:

Es gibt keine Straßen.

Es gibt keine weiterführenden Schulen.

Es gibt keine Tiefengrundwasserbrunnen (tube wells).

Es gibt kein Krankenhaus.

Es gibt keinen elektrischen Generator.

Es gibt kein Mobilfunknetz oder Internet.

Es gibt keine stabile Polizeistation.

Eine eigene Hafenanlage wurde nicht angesprochen, damit auch kleinere Schiffe die Insel anlaufen können. Auf unsere Nachfrage, warum diese keine große Rolle spiele, antworteten sie, das der Grund um die Insel zu flach sei, um für eine größere Fähre eine Fahrrinne zu bieten. Summieren wir also die Forderungen, die die Gemeinschaft stellte, sehen wir, es geht der Gemeinschaft nicht um die Verbesserung ihrer Anbindung an andere Inseln, sondern um die Verbesserung der Infrastruktur ihrer Gemeinschaft. Keiner der Gesprächsteilnehmer nannte einen Grund die Insel verlassen zu wollen. Sie sind mit ihren Booten ohnehin dahin unterwegs, wo sie ihren Fisch verkaufen können.

Schreibe einen Kommentar