Die Biber von Tuva in Bedrängnis

Die Biber von Tuva in Bedrängnis

Saglai Sandanchik

Immer mehr Tiere und Pflanzen verschwinden für immer vom Angesicht der Erde. Das ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, weil in der Vergangenheit Biologen, Botaniker und Ökologen versuchten, vorhandene Arten in Gebieten einzuführen, in denen sie vorher nicht existierten. Deshalb widmet sich meine Arbeit einem Umweltprojekt, das in der Republik Tuva (Russische Föderation) gestartet wurde:
Das tuvinische Biberprojekt.

“CanadaBuilds150: Moose and Beaver” by BrickinNick is licensed under CC BY-NC 2.0

Es ist weithin bekannt, dass das die Händler des Russischen Reichs wegen der Pelze in den Osten vordrangen. Als Ergebnis einer 300jährigen wahllosen Jagd sind Zobel, Biber und andere wertvolle Tiere in den sibirischen Wäldern vom Aussterben bedroht. Am Anfang des Jahrhunderts stand der Biber nicht nur in Russland, sondern auch in vielen anderen Ländern Europas, Asiens und Nordamerikas durch die wahllose Jagd am Rande der Ausrottung. Unter der Gefahr, die wertvolle Jagdmöglichkeit und das lebenswichtige Segment der Feuchtgebietsökosysteme zu verlieren, veranlasste die russische Regierung aktive Maßnahmen zur Bibererhaltung zu ergreifen.

In den 1930er Jahren begann eine Periode der aktiven Reaklimatisierung und Einführung des Bibers in der UdSSR. Bis in die 1980er Jahre besetzten stabile räumliche Gruppierungen des europäischen Bibers (Castor fiber L.) und kanadischen Bibers (Castor canadensis Kuhl) bedeutende Gebiete Sibiriens und verdrängten die anderen Biber vollständig. In einer bestimmten tuwinischen Landschaft überlebte jedoch ein genetisch anderer Biber. Im Jahr 1986 startete die Russische Akademie der Wissenschaften ein Programm zur Erforschung und Erhaltung des tuwinischen Bibers. Als Ergebnis identifizierten sie mehrere spezifische Merkmale des tuwinischen Bibers. Das wichtigste ist, dass er nicht wie andere Biber Burgen baut. Er zieht es vor, Höhlen zu graben und in ihnen zu leben. Er baut daher auch keinen Damm.

Das tuwinische Biberprojekt zielt darauf ab, mit Hilfe von Methoden und theoretischen Erkenntnissen der Sozialanthropologie zu erforschen, wie Wirtschafts- und Umweltpolitik in die Welt von Bibern, Pflanzen und Menschen eingedrangen und wie “echte Wissenschaft” die Zukunft verschiedener Arten verändert. Die bisherige Recherche hat gezeigt, dass dieses ökologische Projekt aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden kann: aus der postkoloniale Theorie heraus, der Idee des “Anthropozän” und der Idee der Beziehungen zwischen den Arten.
Postkoloniale Theorien führten mich dazu, mehrere Fragen aufzuwerfen. Wie hat die geohistorische Politik das Leben oder Sterben von Menschen und Bibern beeinflusst? Welche politischen Entscheidungen wurden getroffen, wozu haben sie geführt? 
Aus der Perspektive des “Anthropozän” wird die planetarische Krise derzeit in der Welt aktiv diskutiert. Viele Wissenschaftler, die nach Antworten suchen, sind sich einig, dass die Veränderungen, die stattgefunden haben und zu den Krisen geführt haben, mehr oder weniger mit dem Konzept des “Anthropozäns” zusammenhängen. Einige machen die gesamte Menschheit für dieses Zeitalter verantwortlich, andere verweisen auf einen engen Kreis von Menschen, ein paar – auf einen Komplex von lebenden und nicht-lebenden Wesen, dritte verweisen auf abstrakte Konzepte und Ideen. All das sind, auf die eine oder andere Weise, Modelle, die versuchen, die Natur der Umweltkrise zu rechtfertigen und flexiblere Methoden für den Umgang mit ihr anzubieten.


Die wichtigsten Fragen, die in diesem Zusammenhang zu beantworten sind, lauten wie folgt

  1. Was ist die Rolle der Wissenschaftler bei Umweltkatastrophen?
  2. Inwieweit tragen die Entscheidungen von Ökologen oder Biologen zur Erhaltung und Ausbreitung von Arten zum Schutz der Natur bei?

    Die letzte theoretische Richtung sind die Interspezies-Beziehungen. Diese Konzepte befassen sich mit den Fragen der tiefgreifenden Überschneidung und des gegenseitigen Werdens von Menschen und verschiedenen Arten (Haraway, Candea). Diese Ideen werden als verbunden mit der großen Trennung zwischen Mensch und Nicht-Mensch, Natur und Kultur usw. betrachtet. So dekonstruiert D. Haraway die Konzeptualisierungen von “Mensch” und “Tier” und ruft dazu auf, auf die unmenschliche Beteiligung der Gesellschaft zu achten: “Achten Sie darauf, wer wer ist und wird innerhalb der gegenwärtigen Bedingungen der Technokultur.”
    Ich gehe davon aus, dass in diesem Zusammenhang folgende Fragen angesprochen werden können: 3. Wer kann in den Begriff der Spezies einbezogen werden? 4. Wer ist wer und was sind die Konsequenzen? 5. Wer sind die eingeführten Pflanzen und die tuwinischen Biber in den Zeiten der Technokultur? Wer sind die Biber jetzt? Wen untersuchen wir, wenn wir Biber betrachten? Wer sind tuwinische Biber in der Technokultur geworden?

    Da die Sammlung von empirischen Daten gerade erst begonnen hat, ist es für derzeit mich schwierig, eindeutig zu beantworten, welche der Richtungen am Ende in der Dissertation die Oberhand gewinnt.
    Die Untersuchung des Projekts zur Einführung von Tieren in der Republik Tuva wird mit ethnographischen, soziologischen und historischen Methoden (teilnehmende Beobachtung, Interviews und Analyse von Dokumenten) durchgeführt werden. Der vorläufige Plan der Forschung umfasst die Bezirke Kyzylsky und Todzhinsky der Republik Tuva.


    Weiterlesen:
  1. Beavers with Tuvan character. (2013). Tuva. Asia. https://www.tuva.asia/news/tuva/6701-bobry.html
  2. Belovolov, A. (2017, April 6). Sarig kundus—The progenitor of all beavers. Siberian wealth. https://sib100.ru/saryg-kundus-praroditel-vseh-bobrov/
  3. Sambyla, C. (2014). Vulnerable, rare and endangered plant species of Tuva in the course “Theory and methods of local history work in primary school.” Tuvan State University Bulletin. Pedagogical Sciences, 4, Article 4. https://cyberleninka.ru/article/n/uyazvimye-redkie-i-ischezayuschie-vidy-rasteniy-tuvy-v-kurse-teoriya-i-metodika-kraevedcheskoy-raboty-v-nachalnoy-shkole
  4. The Tuvan beaver has unique biological features and is listed in many Red Data Books. (2017). Tuva-Online. https://www.tuvaonline.ru/2017/01/31/u-tuvinskogo-bobra-unikalnye-biologicheskie-osobennosti-i-on-zanesen-vo-mnogie-krasnye-knigi.html
  5. Tuvinian beaver – all beavers a firm. (2004). http://www.centerasia.ru/issue/2004/43/1285-tuvinskijj-bobr-vsem-bobram.html

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