Die Pal, in einem Töpferdorf bei Trishal
Töpferwaren ohne Töpferscheibe

Die Pal, in einem Töpferdorf bei Trishal

21.02.2020
Trishal ist eine Kleinstadt nicht weit entfernt der Metropole Mymensingh. Mymensingh ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt am Meghna Fluss. Trishal besitzt eine Universität, deren Campus rasant wächst und auf den ich vom Department für Folkore eingeladen war. Nach einem Besuch bei Kollegen des Kunst-Departements bekamen wir den Tipp, doch einmal Ausschau zu halten nach den Puppen, die man in nahegelegenen Dörfern aus Terracotta herstellt.


So fuhren wir am Freitag nach dem Gebet und Mittagessen recht spät los und erreichten nach einer halbstündigen Fahrt mit der Motor-Riksha ein Dorf, in dem wir denn auch nach langem Suchen, die Dorfecke fanden, in dem eine Familie der Pal, einer Hindu-Berufskaste eigene Terrakotta Schalen für den Haushalt herstellte. Reisschalen, Teller und Aufbewahrungstöpfe für Wasser und Lebensmittel stellen sie jedoch nur nach Bestellung her. Daher hatte keine der Familien irgendwelche irdene Ware übrig. Sie erzählten uns aber von einem anderen Dorf, in dem fast ausschließlich Töpfer leben. Diese suchten wir auch sogleich auf.

Töpfertempel bei Trishal, Photo: Claudius Günther, 2020

Das Dorf der Töpfer hatte einen Tempel am Eingang, in dem die Göttinnen Lokkhi, Durga und Sharasvati geehrt werden. Lokkhi war dabei die schönste, da diese für Geld und finanziellen Reichtum steht und dementsprechend auch äußerlich so hergerichtet wird. Die in der Mitte stehende Göttin Durga steht für Macht, eine Macht, die die Töpfer (Pal) augenscheinlich verloren haben. Einst sollen sie über ein grosses Königreich verfügt haben, das die Pala ein Königsgeschlecht
anführten. Dieses buddhistische Königtum verlor aber um etwa 800 seine Vormachtstellung sukzessive an die herein sickernde Macht muslimischer Anhänger. Die dritte Gottheit im Tenmpel war die Göttin der Weisheit oder der Wissenschaften Sharasvati , eine Göttin, der überall in Bangladesh gehuldigt wird und die für alle ein Versprechen für die Zukunft bereit hält, Bildung als Ausbruch aus bisherigen Verhältnissen.
Da gerade die Dunkelheit hereinbrach wurde den Göttinen eine kurze Andacht gehalten, was jedoch nicht in aller Stille geschieht, sondern meist ein Opfer darstellt, das mit einem hohen Ton und schlagenden Zungen der Frauen (ulu deoa) begleitet wird.

Töpferei mit der Hand und Form, Photo: Claudius Günther, 2020

Im Dorf der Töpfer sind Männer wie Frauen in die Töpferarbeit eingebunden. Die Männer holen den Ton aus Gruben in der Nähe und stampfen ihn solange mit den Füßen, bis er weich und für die Frauen als brauchbarer Ton erscheint. Diese bekommen dann vor ihre Häuser einen Batzen Ton gelegt, aus dem sie in Handarbeit, ganz ohne Töpferscheibe mit vorgefertigten Holzformen Teller und anderes Geschirr herstellen.

Töpfer Ofen, einer für das ganze Dorf, Photo: Claudius Günther, 2020

Ist eine ausreichende Anzahl gefertigt, beginnt die Vorbereitung für das Brennen. Das Geschirr wird auf der Ofenplattform in fünf Lagen zu einem Haufen aufgeschichtet, auf dem dann eine Schicht aus Blättern und Lehm als eine Hülle verstrichen wird, damit so viel Wärme wie möglich im Inneren des Brandes verbleibt. Ein Brand dauert etwa vier Stunden, das Auskühlen ebenfalls. Die daraus gebrannten Schalen und Teller sind sehr zerbrechlich und dünnwandig.
Der geringe Preis und die Zerbrechlichkeit der irdenen Ware erklärt sich aus der Tradition, dass die Tonware beim Tod von Personen aus dem hinduistischen Religionskreis zerbrochen und weggeworfen wird. Auch beim Essen aus den Schalen von nicht kastenzugehörigen Personen wird danach die Tonware zerbrochen und weggeworfen. So hat also die vermeintlich mindere Qualität ihre Ursache im religiösen Kontext der Töpfer (pal).
Für ihre Erzeugnisse bekommen die Töpfer auf dem Markt nur Centbeträge. Das macht sie zu einem armen Teil der Bevölkerung. Es nützt ihnen nicht viel, dass die Oberschicht in Bangladesch mittlerweile lokale Tonarbeiten wieder als chic betrachtet und dafür hohe Geldbeträge bezahlt, denn diejenigen, die damit Profit machen, haben bestimmte Meisterfamilien mit Atelier im Visier, eine urbane Künstlerschicht.

Worauf die Töpfer-Dörfer aber durchaus stolz sein dürfen, ist die kontinuierliche Tradierung ihrer Töpferei in ihrer Berufskaste über Hunderte von Jahren hinweg. Mythologisch setzen sie sich an den Anfang der Religion der Hindus, da Shiva bei seiner Hochzeit irdene Aufbewahrungsbehälter für Wasser benötigte, die noch nicht erfunden waren. So nahm Shiva eine Perle von seinem Halsband und erschuf daraus den ersten männlichen Töpfer, aus einer weiteren Perle erschuf er seine Frau. So ist also Shiva der Vater aller Töpfer, einer seiner Namen Rudra ist daher auch häufig der Name der Töpferkasten, der Rudra Pal.

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