Die Patni Community, ein Dorf auf der Suche nach einer Alternative
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Die Patni Community, ein Dorf auf der Suche nach einer Alternative

28.02.2020

Heute waren wir in einem Dorf, bzw.in einer Community, bei den Patni, die eine erstaunliche Metamorphose hinter sich haben. Heute sind sie eine Gruppe von Korbflechtern, die ihre Künste dem Markt zur Verfügung stellen und von ihm minder belohnt werden. Ihr Rohstoff ist der Bambus, den sie frisch klein schneiden und in vielfältiger Weise verarbeiten. Der frische Bambus kann in ganz besonderes dünne Streifen geschnitten, aus denen sie Matten flechten. Etwas stärkere Teile des Bambus dienen als Rahmen, auf den sie diese Matten spannen. Diese werden dann zu Worfeln, Körben und Sieben verarbeitet. Ihre Geschichte als Korbmacher ist eine sehr kurze und ist erst 4 Generationen alt. Sie waren früher eigentlich einmal Fährmänner und Fährfamilien auf den Flüssen hier in ganz Bangladesh.

Die hinduistische Mythologie hat auch eine Geschichte über die Patni parat. Diese seien diejenigen gewesen, die den Gott Rama auf seinem Weg von seinem Geburtsort in Ayodhya zur seiner Hochzeit nach Mithila über einen Fluss setzen mussten. Dieses Boote stellten die Patni für ihn zur Verfügung, seit dem sind sie Fährmänner in Ostbengalen. Das waren sie auch bis vor 70 Jahren, dann ging das Wasser des Flusses zurück, Brücken wurden gebaut, Straßen bestimmten nun den Weg durch die Landschaft und die Patni wurden ihrer Lebensgrundlage beraubt.

Einst brauchte man hier Fährboote, jetzt kann man durch Wasser waten. Bild: Claudius Günther

Wenn ihre Dienste als Fährmänner in der Regenzeit nicht gebraucht wurden, fuhren sie mit ihren Booten auf den Flüssen und auf einem 2 km entfernt gelegenen See (bheel) um zu fischen. Dieses Bheel ist nun ebenfalls trocken gefallen und die Gegend bietet keine Möglichkeiten mehr zum Fischen. Also brauchten die Patni Alternativen. Diese fanden sie in zwei Lebensbereichen. Da sie als niedrige Hindukaste auch schon immer Schweine hielten, bauten sie den Schweinebereich aus und zogen mit den Schweinen als Nutzer von abgeernteten Ackerflächen durch ganz Bangladesh. Ihre nomadische Schweinezucht betreiben sie im Radius von 400 km von ihrem Wohnort entfernt, verkaufen ihre Schweine aus der Herde heraus vor Ort. Die Hirten fahren zyklisch von der Schweineherde weg nach Hause, wechseln sich dabei unter den Familien ab. Der Eigner der Schweineherde ist ein gewisser Mohajon, eine reiche Familie in ihrer Community. Für diesen arbeiten viele im Dorf. Für 100 Schweine werden zur nomadischen Haltung etwa 5 Personen gebraucht. Für die gesamte Herde braucht er gerade etwa 25 Leute, die sich um seine Herde kümmern. Wie viele Tiere seine Herde hat, weiss er dabei auch nicht recht, er ist auf die Angaben seiner Schweinehirten angewiesen.

Die andere Alternative fanden die Patni im Körbemachen. Da sie als Fährmänner bei der umliegenden Bevölkerung das ganze Jahr gebraucht wurden, rechneten sie ihre Fährdienste jedes Jahr zur Zeit der Reisernte bei den Bauern mit einem vorbestimmten Maß an Reis auf. Bei jeder Bauernfamilie, die ihre Dienste in Anspruch nahm, holten sie sich ihren Reis in von ihnen hergestellten Körben ab. Deren Zahl und Größe war auf die Höhe der Dienste festgelegt. Dieses Körbemachen erweiterten sie von der Selbstversorgung für den Markt. Mittelsmänner kommen ins Dorf und holen die Körbe bei den Familien vor jedem Basartag ab und entlohnen sie vor Ort.

Gemeinsames Korbflechten vor dem Haus, Bild: Claudius Günther

Eigene Geschäfte betreiben sie auf dem Markt nicht. Selten kommen auch mal die Leute aus den umliegenden Dörfern direkt und bestellen sich ihre Körbe vor Ort. Das meiste wird über den Markt geregelt.

Der Preis für den Bambus, von dem es eine besondere Sorte mit langen Halmsegmenten braucht, ist in den letzten Jahren dramatisch gestiegen. Sie bezahlen jetzt etwa 180 bis 200 thaka (1,8 – 2 Euro) für jeden Stamm. Aus einem Stamm können sie etwa 25 Worfel (kula) herstellen, die sie dann für 30 Cent pro Stück verkaufen. Zwei Personen braucht es zum Körbeherstellen. Die Frauen fertigen und flechten die Gestelle und Matten, die Männer stellen die nötigen Rahmenvorrichtungen her, zu denen man eine ganze Menge kraft braucht, um die Körbe und Worfel zu spannen.

Nachdem Verkauf ihrer Körbe bleiben den Patni für zwei Tage Arbeit etwa 500 thaka, also um die 5 Euro.

Das Einkommen der Patni ist in den letzten Jahren etwas gestiegen im Vergleich zu der Zeit, in der sie ihre Dienste als Fährmänner anboten. Doch das Aufkommen von Plastikkröben und Eimern hat einen starken Einfluss auf ihr jetziges Einkommen, auch bringt die Mechanisierung der Landwirtschaft und die Industrialisierung der Reisproduktion weitere Nachteile. Früher verarbeitete jede Bauernfamilie ihren Reis selbst und brauchte für die haushaltsüblichen Mengen immer wieder neue Worfel. Seit dem die Reismühlen aber immer größer werden und für die hier raffinierten Mengen keine haushaltsüblichen Worfel mehr genutzt werden können, geht auch die Nachfrage an diesen Utensilien verloren.

Worfel für den Haushaltsgebrauch, Grundlage Bambus, Photo: Kathrin Worschesch, 2019

Also suchen sich derzeit die Kinder der Korbmacher neue Arbeit. Die Söhne dieses Dörfes gehen nun meist bei den Blechschmieden arbeiten und verdienen sich ihren Lebensunterhalt in deren Werkstätten ausserhalb des Dorfes. Das bringt neue Probleme mit sich. Früher arbeiteten die Korbmacher in ihren Familien Hand in Hand, die Frauen gaben die Flechtarbeiten an ihre Männer zum Bespannen der Rahmen weiter, die Männer übernahmen die Endfertigung. Diese familiäre Arbeiten konnte aufkommende Konflikte in der gemeinsamen Arbeit schnell entschärfen. Probleme wurden im Gespräch gemeinsam gelöst. Nun gehen die jungen Männer in die Werkstätten, während die jungen Frauen mit den Kindern allein zu Hause weilen. Alltägliche Probleme können so nur am Feierabend besprochen werden und Konflikte bauen sich schneller auf. Auch fehlt die Weitergabe des Handwerks für die nächste Generation in den Familien, die Kinder sind ohne Tätigkeit und Unterweisung. Für die Schule reicht das verdiente Geld nicht aus und viele von ihnen haben so keine oder nur eine kurze Schulausbildung. Der Sohn von Balal Chondra Das, einem unserer Informanten, entschied sich in der sechsten Klasse für die Arbeit in der Blechschmiede. Der Freundeskreis in der Schule hatte dabei einen großen Anteil.

Da die Korbmacherei einen niedrige soziale Stellung in der Gesellschaft einnimmt, führte er das beim Vater gelernte Handwerk nicht weiter. In der Patni jhati, der Berufskaste der Patni, heiratet man unter sich. Heiratsbeziehungen werden zu anderen Patni Dörfern aufrecht gehalten und auch über viele Kilometer weit gepflegt. Dabei sind Schulabschluss ein wichtiges Kriterium für die Partnerwahl. Die Tochter des Dorfchefs Lokkhi ist zum Beispiel die erste, die eine höhere Schule besuchte. Diese findet aber keinen geeigneten Partner, weil dieses Schulniveau kaum ein Patni-Junge je erreicht. Die Suche blieb bisher erfolglos. Der Chef des Dorfes Binod Bihari hat seine Aufgaben innerhalb des Dorfes als Ritualmeister und als Friedensrichter.

Im Dorf haben sie einen Dorfrat, das sogenannte mohot parichot, dem fünf Dorfälteste angehören. Diesem Rat steht der Chef des Dorfes Binod vor. Für die Zivilgesellschaft und für Staatsvertreter steht der Dorfchef als Ansprechpartner zur Verfügung.

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