Hatiya
Hatiya Minora Begum

Hatiya

8. März 2019

Heute sind wir auf die Nachbarinsel von Manpura, nach Hatiya gefahren. Die Inseln untereinander sind nicht ganz optimal miteinander verbunden. Es fährt z.B. eine Fähre gegen 4 Uhr früh, (diese kommt aus Dhaka und macht an beiden Inseln halt) und eine Fähre legt gegen 13 Uhr wieder aus Hatiya nach Manpura ab.

Hatiya Hafen, unterschiedliche Wasserstände machen das Anlegen eines Hafens kompliziert. Bild: Claudius Günther, 2019

Das liegt daran, dass Hatiya zu einem anderen Bezirksdistrikt von Bangladesch gehört, Noakhali, also zu einem weiter östlich gelegenen Ort, an der Myanmar zugewandten Seite Bangladeschs – deswegen auch die schlechte Kommunikation zwischen beiden Inseln: hier geht eine Bezirksgrenze durch.
Wir wurden wir von einigen Inselbewohnern der Insel Manpura grundsätzlich vor den Menschen aus Hatiya gewarnt. Hier seien Strauchdiebe allenthalben zu finden, die Menschen aus Hatiya würden alle Nase lang ihre Hütten und Häuser gegen die Stürme verlieren und seien deswegen böswillig und missgünstig gegenüber Fremden. Also bekamen wir einen Regierungsbeamten an unsere Seite gestellt, der für unsere Sicherheit sorgen soll. Wir nahmen ein Schnellboot zur Überfahrt und wurden innerhalb von 20 Minuten für den selben Preis befördert, wie vorher die Fähre von Dhaka nach Manpura kostete (10 Stunden Reise). Soweit so gut.
Auf die Idee nach Hatiya zu fahren, kamen wir, da ein Inteview mit einer Mattenflechterin in Manpura ergab, dass diese ihr Eltenhaus in Hatiya hatte und dort die Kunst des Mattenflechtens lernte. Auch die Rohmaterialien für die Matten muss sie sich in Hatiya besorgen. In Manpura hat bisher niemand den Shitul Strauch in solchem Maße angebaut, dass er marktreif ist.

Hatiya ist Manpura in Richtung Bucht von Bengalen vorgelagert. Es hat auf den ersten Anblick eine etwas andere Natur. Die Insel ist größer als Manpura, die Bäume stehen hier irgendwie dichter, sie macht den Eindruck als sei sie weitaus länger besiedelt worden. Es fällt weniger Licht auf die Strassen und dafür ist es aber auch ein ganzes Stückchen kühler. Die drei Inseln Bhola, Manpura und Hathiya wurden etwa zur gleichen Zeit besiedelt. Es war vor etwa 200 Jahren, da kamen die Menschen vom Osten her, von der Insel Sandwipp vor allem, Entdeckt wurden sie im 16. Jahrhundert vom Spanier Domingo de Alvares. Später beanspruchten die Briten das Territorium und machten die Gegend urbar. Besiedelt wurden die Inseln bis in den letzten Winkel hinein. Kaum ein Stück Urwald blieb erhalten. Fast alles hier ist Garten und Ackerland, der Garten dicht bei den Häusern, der Acker zwischen den Gehöften.

Während der Zeit der Besiedlung brachten einige Siedler auch den Shital Strauch (Schumannianthus dichotomus) nach Hatiya mit. Dieser ist ein Gewächs mit viel Mark. Man schält es vom Stengel. Das Mark wird zu Tierfutter weiterverarbeitet, der Stengel aber in kleine Streifen geschnitten, getrocknet und wenn nötig auch gefärbt. Die sich daraus ergebenden Streifen sind der Rohstoff für die Matten, die man aus dem Shital Strauch flechten kann. Kurz vor der Verarbeitung macht man die Streifen ein wenig nass, dann sind die geschmeidiger und lassen sich besser flechten. Diese Arbeit wird fast ausschließlich von Frauen gemacht. Sie flechten für den eigenen Hausgebrauch, für die Aussteuer ihrer Töchter oder bringen die Matten auf den Markt. Die Farben, die sie zum Einfärben der Flechten verwenden, kaufen sie auch dort. Selbstgemachte Farbstoffe von zu Hause halten nicht so lange die Farbe, wie synthetische. Zum Flechten brauchen die Frauen keinen Webstuhl, geflochten wird auf dem Fußboden. Sie flechten die erste Ecke unter ihren Zehen zusammen und gehen dann weiter im Rechteck vor. Verschiedene Farben ergeben verschiedene Muster, florale Muster sind wohl am häufigsten, geflochten werden aber auch Gegenstände oder Symbole, wie Vasen oder Herzen. In Hatiya haben sehr viele Gehöfte den Shitul Strauch gepflanzt, in Manpura jedoch kaum einer. Es scheint ein Zufall zu sein, das die Menschen auf eine Insel einen Teil ihrer Kultur von anderswoher mitbringen, auf eine andere Insel wiederum nicht.

Minora Begum
Auf unserer Suche nach einer Shitul Flechterin trafen wir einen Aktivisten, der eine NGO DEEP zum Kunsthandwerk leitet. Dieser brachte uns zu Minora Begum, einer Mattenflechterin. Minora hatte schon früh ihren Mann verloren, blieb mit vier Kindern allein und bringt sich und ihre Familie mit dem Flechten von Matten durch. Einige Matten, die sie zum Markt trug, wo wir die Matten entdeckten (es war der Frauentagsmarkt zum 8.März), waren für die Aussteuer ihrer Tochter bestimmt. Nun musste sie sie verkaufen, da das Geld im Haus knapp wurde.

Das Haus von Minora Begum, der Mattenflechterin, Bild: Claudius Günther, 2019

Minora Begum lernte das Flechten seit îhrer Kindheit an im eigenen Elternhaus. Als sie 15 war, machte sie Matten selbstständig. In dieser Zeit machte sie kleine Matten manchmal, seitdem ihr Mann aber gestorben ist, macht sie viele dieser Matten und bringt mit diesen ihre Familie durch. Ihre Mutter starb als sie 5 Jahre alt war. Aber sie lernte das Mattenflechten nicht von ihrem Vater, sondern von anderen Familienmitgliedern durch zuschauen. Als sie begann, ihre eigenen Matten begann zu flechten, kaufte sie sich das Flechtmaterial vom Markt. Damals hatte sie noch keinen Shitul Strauch Plantage. Obwohl sie selbst angepflanzt hat, reicht das Material zum Flechten nicht aus. In eine jede Matte investiert sie etwa 700 – 800 Thaka an Materialkosten. Wenn die Pathi flechter ihre eigenen Plantagen haben, ist das einfacher und billiger. Minora hat 4 Kinder. Keine Brüder, Schwestern oder Cousinen Coussins. Das Haus, in dem sie lebt, ist ihres Vater Haus. Sie hat zwar 9 Geschwister aber die sind alle weggezogen, oder bereits verstorben. Sie verkauft nicht nur Shitul Matten, sondern auch die traditionelle Stühle (mura) oder Fächer. Seitdem es aber Plastikstühle gibt, kauft kaum jemand mehr die Stühle. Ihre Tochter (18) unterstützt die Familie auch durch das Nähen von Kleidern für andere.

Staatsland auf der Insel
Auf den Inseln gibt es immer wieder Orte, an denen neues Land entsteht. Das Land, welches neu entsteht ist Staatsland, heißt hier khas Land, und ist Quelle der Macht von lokalen Politikern. Denn der Staat verfügt über dieses Land, sollte es eigentlich zum Wohle der Bedürftigen einsetzen, tatsächlich aber wird es unter der Hand verschachert.

An vielen Küstenstreifen wurden von der Forstbehörde Bangladeschs Wald angepflanzt, der Wind und Sturm für das Innere des Landes abmindern soll. Es sind Keora Pfefferbäume, deren kleine Früchte für den heimischen Curry genutzt werden. Manchmal stehen die Bäume direkt an der Abbruchkante der Uferzonen und verhindern so das schrittweise Abtragen des Uferrandes.

Das neue Land, oft noch überschwemmt,a liegt still und scheinbar verlassen, ist aber bestens beobachtet. Jeder Quadratmeter wird hier genutzt. Bild: Claudius Günther

Manchmal ist dem Wald auch Land vorgelagert, eine Art Schwemmland. Dieses Schwemmland ist von der Ferne vom Wasser aus leicht zu sehen. Dieses den Küstenwäldern vorgelagerte Land zuerst als Weideland für Kühe genutzt. Aber auch Fischer nutzen es für ihre Angelegenheiten. Hier werden künstliche kleine Teiche angelegt, Fische hinein gesetzt. Hier verhindern Netze, dass der Fisch von der Flut wieder in die Flüsse oder ins Meer getragen wird. Die Fischer verankern ihre Boote auf dem Schwemmland und setzen sie trocken, wenn die Ebbe beginnt. Die Menschen der Inseln kommen und beobachten das Land, sehen es wachsen. Mit dem Wachsen des Landes wächst auch die Missgunst der Inselbewohner an den Politikern, denn diese Verfügen über das Land. In einem so dicht besiedelten Land wie Bangladesch ist Land die wichtigste Ressource für das Überleben der Menschen. Es gibt landwirtschaftliche Erzeugnisse her, die erst einmal für die Subsistenz genutzt werden, dann zum Markt getragen werden. Dabei ist es eigentlich wie überall, Gartenland ist Subsistenzland, die Felder neben den Häusern ergeben Einnahmen aus der Marktanbindung.

Politikern wird hier so manches Verbrechen zugetraut. So soll es unter ihnen welche geben, die Piraten anheuern, um Schiffe zu überfallen, die Fisch an Bord haben. Die ausgeraubten Fischer bleiben mittellos. Nicht selten passiert es dann, dass hierdurch eine Spirale der Gewalt beginnt, die mittellose Fischer wiederum in die Piraterie treibt. Sie wollen Rache nehmen an den Piraten und werden so selber welche. Auch erzählt man sich, das Politiker die Geister die sie riefen, kaum mehr losbekommen, wiederum andere Piraten anheuern, um mächtige Piratengruppen zu zerschlagen. So viel zu den menschlichen Abgründen.

Noch einmal zu dem Eingang niedergeschriebenen Vorwurf über die Menschen von Hatiya. Tatsächlich haben diese 1991 den letzten wirklichen Wirbelsturm erlebt, der Haus und Hof bedrohte. Seit dem sind es nur kleinere Stürme gewesen. Auch ist die klimatische Situation der Inseln Hatiya und Manpura sind nebeneinander so ähnlich, dass es keinen Grund gibt, zwischen ihnen irgendeinen Unterschied zu machen. Es ist vielleicht einfach nur die Nähe, die unter den Inseln eine innere Distanz schafft.

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