Munshipur, Dorf im Haor bei Kishargonj
ein Dorf im Haor bei Kishargonj

Munshipur, Dorf im Haor bei Kishargonj

18.02.2020

Ein Haor ist ein saisonales Binnenmeer, das während der Regenzeit Unmengen von Oberflächenabflusswasser aus Flüssen und Kanälen aufnimmt, die in dieses Überschwemmungsbassin fließen. Dieses Feuchtgebietsökosystem trocknet nach der Regenzeit jedoch fast aus. Im Winter sind diese Gebiete weite grüne Landstriche und werden für die Landwirtschaft, vor allem für den Reisanbau genutzt.

Haor in der Regenzeit
Haor in der Trockenzeit, Satelitendaten Sentinel vom Feldforschungsgebiet 2019, Bearbeitung QGIS Olaf Günther

Wir wollten mit Bauern in dieser Gegend reden. Dazu suchten wir uns willkürlich einen Flecken bewohnten Landes aus, das einem kleinen Hügel glich. Das Dorf, das wir besuchten, liegt das ganze Jahr über dem Wasserspiegel des Haor. Um zu den Häusern zu gelangen, wanderten wir zuerst über einige Ackerflächen und stiegen dann etwa vier, fünf Meter auf den Hügel hinauf. Als wir oben ankamen, waren wir auf eine Plattform gelangt, die heute von vielleicht 20 Familien bewohnt wird, zum größten Teil von landlosen Bauern. Nach den Auskünften seiner Bewohner hieß das Dorf Munshipur oder Dorf des Abdula Mukhti Shubar.

Das Dorf von Abdula Mukhti Shubar, Bild: Claudius Günther, 2020

Vor etwa 20 Jahren beschloss dieser Abdula Mukhti Shubar, der Felder in diesem Teil der Gegend erwarb, an dieser Stelle des Haor eine erste Plattform zu errichten. Das Haus stand nicht lange alleine da, der nächste Nachbar fand sich ein, in dem er selbst einen Teil der Plattform vergrößerte und den Hügel um ein Haus reicher machte. So geschah es Jahr um Jahr, dass sich hier immer mehr Menschen ansiedelten. Ihre „Siedlung“ lag oberhalb der letzten bekannten Hochwassermarke dieser Gegend. Bei einer Sturmflut 2004 wurde ihre kleine Insel überschwemmt und alle Familien des Dorfes waren vorübergehend obdachlos. Sie zogen mit Sack und Pack in das nächst gelegene größere Dorf, etwa einen Kilometer entfernt. Als das Wasser verschwand, kamen sie wieder zurück und reparierten ihre Insel an den erforderlichen Stellen.

Im Winter Felder, im Sommer ein riesiger See, Bild: Claudius Günther 2020

Das Dorf Munshipur liegt jenseits des Flusses, der die Gegend in alte Siedlungen und Neusiedler trennt. Das Dorf, in dem die Dorfbewohner von Munshipur Schutz suchten, hat eine Allgemeine Schule und eine College und ist etwa 700 Jahre älter als Munshipur. Viele Jahrhunderte galt der Fluss als die Grenze, die Ackerland von Siedlungsland trennten.

Nur Abdula Mukhti Shubar und andere mit ihm begaben sich auf Neuland und bauten sich eine Insel auf ihm, dies es ihnen erlaubte, das ganze Jahr über hier zu wohnen. Alle Dorfbewohner waren früher auch einmal Landbesitzer, aber die Flut von 2004, die zwei Monate zu früh bereits im April über sie hereinbrach nahm ihnen die Ernte auf ihrem Ackerland und das Vieh. Viele von ihnen halten sie sich jetzt mit Tagelohnlandarbeit über Wasser, halten Kleinvieh wie Gänse und Enten, die sie für 50 thaka (Entengössel, 50 Eurocent) und 300 Thaka (Gänsegössel, 3 Euro) kaufen. Nach Bedarf verkaufen sie diese wiederum auf dem Markt. Damit können sie sich ein wenig Geld ansparen. Später kaufen sie sich eine Kuh, dann eine zweite, und versuchen so wiederum ihren Wohlstand zu mehren.

Als 2004 die Sturmflut kam, griff der Staat ein, vergab jeder Familie 20 kg Reis und 500 thaka (5 Euro) als Überlebenshilfe. Viele Häuser haben Boote, die sie während der Regenzeit nutzen, um Fisch zu fangen. Das bezeichnen sie aber nicht als Fischen, sondern eher als „sich mit Fisch versorgen“. Denn Fischerei betreiben diejenigen, die das nötige Geld haben, um sich die ganzjährig gefüllten Teiche der Gegend vom Staat zu mieten, um darin ganzjährig die Fische zu fangen, die sich während der Trockenzeit hierher zum Überleben einstellen.

Die Landbesitzenden betreiben in der Trockenzeit Ackerbau. Die meisten Bauern besitzen 1 – 2 ha Land. Diejenigen, die 10 bis 15 ha besitzen, bezeichnet man als Großbauern. Da ein jeder Acker (etwa 0,4 ha) etwa 6 bis 8 Arbeiter als Landarbeiter braucht, ist der Bedarf an Arbeitskräften während der Trockenzeit gross. Am Beginn der Trockenzeit werden um die Äcker die Wälle gezogen, die ihnen erlauben Reis anzubauen. Pro Acker wird desweiteren eine kleine Anzuchtstation von 200 qm abgeteilt, um die Reisstecklinge zu ziehen.

Es dauert etwa 5 Wochen bis diese auf die ganze Fläche ausgepflanzt werden können. Während dessen werden die Äcker, deren Wälle man errichtet hat, mit Wasser für eine Woche gewässert, damit diese einen weicheren Boden bekommen. Unkräuter braucht man in dieser Zeit nicht zu jähten. Daraufhin werden die Flächen gepflügt, wofür man heute eine dieselbetriebene Bodenfräse benutzt, brauchte man vor 20 Jahren noch Kühe und Ochsen. Das besorgen die Kleinbauern in ihren Familienverbänden allein. Die Grossbauern, die ihre Kinder in die Internate der nahegelegenen Städte schicken, beschäftigen hierfür 150 bis 200 Tagelöhner.

95 Prozent der Anbaufläche wird für Reis genutzt, der Rest für Mais, den es erst seit kurzem auf den Äckern gibt. Einige Flächen taugen für das Anbauen von Erdnüssen. Chilly, Bohnen und Kürbisse werden an den Plattformhängen errichteten Gärten angebaut. Diejenigen die Reis produzieren müssen dieses nach er Ernte entkernen und trocknen. Das erledigt ein Schiff, das in der Regenzeit zwischen den Plattformen als mobile Reisverarbeitungsstation umher reist.

Wenn Töchter und Söhne verheiratet werden, so tun sie das meist lokal zwischen den einzelnen Plattformen. 30 bis 50 Kilometer weg kann die neue Familie des Bräutigam wohnen, meist werden die heiraten zwischen den Bewohnern des Haors geschlossen. Einige der Familien gehen ab in die Städte und versuchen in Sylhet, Khulna oder Dhaka ihr Glück.

Überhaupt sind viele Familien darauf aus ihr Risiko durch Verteilung ihrer Familienmitglieder im ganzen Land zu minimieren. So arbeiten viele der Söhne der Familien weitab in Dhaka, Sylhet oder ganz in der Nähe in Kishargonj. Obwohl es vieler Orten auf dem Lande an Arbeitskräften fehlt, wandern diese in Hoffnung auf bessere Löhne in die Städte. Die Stadt bildet so eine wichtige Unterstützung für die Dorfbevölkerung. Die Söhne schicken periodisch Geld per Überweisung auf das Land und erleichtern so ihrer Familie das Leben. Das damit die Landbevölkerung aber zu Gunsten der Stadtbevölkerung verschwindet steht nicht zu befürchten, da alle Stadtbewohner immer auch versuchen werden, einen Rückzugsort auf dem Land zu unterhalten. Eine Dorf-Stadt Rückkopplung gehört in der Stadtbevölkerung zum sozialen Status und ein jeder potentielle „Aussteiger“ in der städtischen Bevölkerung wird immer auch versuchen, eine solche Rückkopplung zu unterhalten.

Angesprochen auf dasWasser erzählten die Bauern, das es in den letzten Jahren immer weniger Regen und damit weniger Wasser gibt. Dieses sind auch die Wellen weniger stark die in der Regenzeit gegen das Haor klatschen. Um die Schäden durch Wellen zu verhindern, pflanzen die Plattformbewohner Schilf an, das die Wucht der Wellen verringert. Das schlimmste für die Bauern sind vorzeitige Regengüsse bevor die Ernte eingefahren werden kann. Diese nehmen ihnen auf einen Schlag alles. Da diese Bauern keine Vorratswirtschaft über einen Jahreszyklus praktizieren können. Es gibt nicht nur weniger Wasser in den letzten Jahren, es gibt auch weniger Fische und Fischarten im Haor. Hier machen die Bauern vor allem den massenhaften Einsatz von Insektiziden und Pestiziden verantwortlich, die auf die Flächen gebracht werden. Auch die Düngung ist rein chemisch. Früher gab es in den Haors auch Schilfwälder und Verbuschungen an den höher gelegenen Stellen. Auch diese sind fast völlig durch den Landhunger der Landwirtschaft vernichtet worden, auch das mag ein weiterer Grund für den Rückgang der Biodiversität im Ökosystem sein.

Um die Infrastruktur in der Region zu verbessern, baute der Staat 20 Meter hohe und 30 km lange Dämme in den Haor. Diese haben zwar Brücken zwischen den Dammabschnitten, jedoch sind Dämme solcher Art Fluch und Segen zugleich. Einerseits verbessern sie die Kommunikation zwischen den Dörfern und Plattformen, andererseits beinflussen sie Strömung und Fließgeschwindigkeiten innerhalb des Haors. Das führt dazu, dass diese Dämme an ihren Luvseiten zahlreiche Versandungsflächen schaffen, die Ackerland der Bauern zerstören. Dieses Ackerland kann dann nur noch als minderwertiges Weideland genutzt werden oder fällt ganz der Verwüstung anheim. 1000 bis 1500 Äcker werden es bisher sein, die auf diese Weise versandeten.

Ein Damm durch das Haor, Segen und Fluch zugleich, Bild: Claudius Günther 2020

Nichtregierungsorganisationen, die das Leben der Landbevölkerung verbessern helfen, gibt es bisher im Haor nicht. Die einzigen nichtstaatlichen Organisationen sind die Mikrokredit-Vergeber, die massenhaft Menschen in die Flucht zwingen. Diese sind für Familien einer der Hauptgründe, die Gegend zu verlassen und ihr Glück woanders zu probieren.

Ansonsten sorgt der Staat ganz gut für diese Gegend. Hier kommt die jetzige Premierministerin gebürtig her und hier investieren auch ihre Söhne in Damm-, Strassenbau und Fähren.

Im Sommer gibt es nur ein paar ständige Wasserarme, dann braucht es Fähren, Bild: Claudius Günther 2020

Es gibt neben dem Hubschrauberlandeplatz für die Präsidentenfamillie auch noch ein Krankenhaus in Mitharmoin, dem Hauptort dieses Haors. Für die Gesundheit der Bevölkerung sind sonst noch Krankenstationen auf dem Haor-Land errichtet worden.

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