Santal Communities in Saidpur
Santal communities in Saidpur

Santal Communities in Saidpur

26.02.2020

Die Santal sind eine kleine Minderheit, die in verschiedenen Regionen Bangladeschs siedeln. Sie sind eigentlich Waldnutzer, wurden aber schon zu Zeiten der britischen Kolonisierung Indiens dazu angeheuert, Waldflächen zu roden und später als Ackerland zu nutzen. So kamen sie auch nach Bangladesh. Wir trafen einige Communities von ihnen in der Nähe von Saidpur, wo sie seit vielen Generationen wohnen. Der erste Ansprechpartner in der Santal Community war der Mundschi haram, der Vorsteher ihrer Gemeinschaft. Dieses Amt ist erblich und wird von seiner Familie seit vielen Generationen ausgeübt. Im weitesten Sinne ist er Ritualmeister bei Geburt, Tod oder Heirat und wird bei letzterem auch von den Heiratswilligen um Erlaubnis gebeten. Seine Frau hat das Amt der Dorfchefin inne. Ihr Ämter werden von allen Santals der Dörfer respektiert, auch wenn sie erblich sind. Im Dorf des Mundschi haram wohnen noch 65 weitere Haushalte. Sie sind in der letzten Zeit immer mehr geworden, weil sich hier im Dorf auch die Missionsstation der katholischen Kirche angesiedelt hat. Das hat die Anzahl der Haushalte deutlich steigen lassen. Seit dem der neue Priester da ist, ein Mann aus den USA, steigerte sich die Zahl von 40 auf 65 Haushalte, was dem Einfluss der katholischen Mission zuzurechnen ist.

Viele der Santal sind sowohl Hindus als auch Christen, ein Doppelbekenntnis gilt ihnen nicht als problematisch. Von den vielen hier lebenden Haushalten haben nur wenige etwas Land, etwa 4 Haushalte besitzen hier um die 1000 qm Land, der Rest der Santal verdingt sich als Tagelöhner im Dorf und bei angrenzenden Landbesitzern, die fast ausschließlich Bengalen sind. Das bedeutet für sie im Jahr 2 Mal 20 Tage eine Lebensgrundlage für sich selbst verdienen zu können, bei der Ernte im Frühjahr und bei den Vorbereitungen für eine neue Saison im Herbst.

Ansonsten haben die Hälfte aller Familien Kühe, wenigstens eine höchstens vier. Sie haben alle kaum Weideland dafür, im Sommer (das ist hier der Februar) ist es so warm, das die Kühe kaum auf der Weide stehen können, sie müssen in den Schatten in den Stall. Doch dazu ist zu wenig Futter vorhanden. Auf den wenigen Ackerflächen Land bauen sie Mais, Chilli, Nass- und Trockenreis an.

Die Santal spüren den Druck der Mehrheitsbevölkerung besonders seit den 1980er Jahren. Vorher gab es noch genug Wald und andere Ausweichsflächen, die ihnen zur Schweinemast und Kuhweide dienen konnten. Schweine hat hier eigentlich jede Familie, etwa 1 oder 2 Exemplare. Diese sind teils angebunden, teils laufen sie frei herum. Fast alle im Dorf verheiraten ihre Töchter nach außen, auch in andere Bezirke, die Söhne bleiben im Dorf und teilen sich die Habe des Vaters. Früher wurden die Heiraten arrangiert, sogenannte Kupplerinnen waren dann unterwegs (matchmaker), heute sind die nach außen verheirateten Töchter die Hauptinformationsquellen für die Verhältnisse in den anderen Dörfern. Dazu kommt, dass arrangierte Heiraten stark abgenommen haben, die sogenannte romantic love ist die viel häufigere Heiratsgrundlage. Eine Trennung (saka mure) ist ein einfaches Ritual bei den Santal, da schneidet der munji haram eine Schnur, die den Bund beider Ehepartner symbolisieren soll durch, dann können sie getrennt leben.

Beim Grundstück des Matti Hemrun

Matti Hemrun wohnt am Kirchgrundstück und betreut dieses Gebäude. Das er ritualerfahren ist, zeigte sich schon am Anfang unseres Gespräches. Hier lies er alle sich dazugesetzten Santal sich persönlich vorstellen, das waren etwa 20 Personen, vor allem Frauen. Es wurde das Ritual der Begrüssung und des Willkommens durchgeführt, das mit den Wort zohar beginnt, ein Santali Wort für Willkommen. Das war das erste Wort, das wir in Santali lernten, einer alten drawidischen Sprache. Dann fing er an zu erzählen.

Am Haus von Matti Hemrun, Bild: Claudius Günther, 2020

Sie leben hier zwischen zwei Flüssen, dem Kunobabha und dem Deppa, beide Flüsse sind Lebensader aber auch Lebensgefahr. Die Fundamente der Häuser hier sind alle 30 cm über dem Höchststand der letzten bekannten Hochwasser gebaut. 2017 aber gab es solch einen starken Regenfall, dass alle Santal ihre Häuser verlassen mussten und auf den höchstgelegenen Stellen, meist die Straßendämme der Überlandstraßen, ihr Obdach vorübergehend fanden. Alle Dörfer der Santal waren damals 6m unter Wasser. Um dann das nächste Jahr wieder zu bestreiten, mussten sie Kredite aufnehmen, damit sie sich neues Saatgut kaufen konnten und andere wichtigen Dinge des Lebens. Bei den Kreditgebern sind die Zinsen etwa um die 150 Prozent, bei den Mikrokrediten sind die Zinsen zwar nur 8-10 Prozent, man muss sie aber wöchentlich zurückzahlen. Hilfe unter den Familien ist im Falle einer solchen Katastrophe kaum möglich, da kaum jemand etwas abzugeben hätte. Die Santal sind Waldnutzer und Neubauern, dazu wurden sie auch in der Region von den Briten um die Jahrhundertwende zu 19. Jahrhundert in der Region angesiedelt. Mit dem Wald konnten sie auch immer einen Teil ihrer Diät bestreiten. Hier war es vor allem eine Wildkartoffelart, die ihnen eine wichtige Quelle von Nahrung und wichtigen Zusatzstoffen war. Nun sind alle Früchte kultivierte Früchte und diese werden mit Gift behandelt, damit sie auf den Märkten schön aussehen — trotzdem machen sie krank. Das Gift landet in den Flüssen und diese sind dann ohne Fische, auch eine wichtige Schneckenart (kutchiya) ist nicht mehr zu finden. Sie war zu Senkung des Blutdruckes hilfreich, auch verschieden Fische hatten medizinisch Wirkung. Der Wald brachte auch Hasen und Nagetiere zum Essen dazu, nun ist das alles weg.

Mit dem Essen hat sich auch die Kultur verändert, so wie sie jetzt mehr wie die Bengalen essen, so ist auch ihre Kultur bengalischer geworden. Das soziale miteinander hat sich geändert. Der Markt ist überall eingedrungen, waren sie früher Tagelöhner in der Landwirtschaft, jetzt ist die Mechanisierung der Landwirtschaft dabei, ihnen auch diese Nische streitig zu machen. Nun müssen sie sich nach anderen Einkommensquellen umschauen, Ziegeleien geben Arbeit, aber auch Wäscherei und Haushaltshilfe sind mögliche Alternativen. Auch das bedeutet wiederum eine stärkere Abhängigkeit von den Bengalen. Handwerk haben sie keines, das sie auch im Markt anbieten könnten. Sie machen zwar einiges für ihre eigene Hausnutzung, etwa Palmblattmatrazen, aber dieses Palmblätter müssen sie kaufen und sie sind immer schwerer zu bekommen, weil auch die Palmen der Landwirtschaft weichen müssen.

Die zweite Redewendung, die wir bei dieser Begegnung lernten, waren die Worte „Aimar sarhou!“ – Vielen Dank!

Djinaipuri, Santaldorf am Fluss Das Dorf Djinaipuri wurde vor etwa 70 Jahren von einer Familie gegründet, die aus Indien hierher übersiedelte. Der Herkunftsort hieß Dumka. Wie der erste Siedler hier. Der Großvater unseres Gesprächspartners Djitau Mardi mit seinem Bruder waren die ersten, die sich am Fluss ansiedelten. Hier war damals alle Wald, ein zamindar überließ ihnen den Platz zur Nutzung damit sie hier alles rodeten. Der Wald wurde in Acker verwandelt und nun gibt es in quasi nicht mehr. Dann wurde das Land mit der Unabhängigkeitswerdung Bangladeshs zum Staatsland (kas) und musste ab da von den Dorfbewohnern Jahr um Jahr neu vom Staat gepachtet werden.

Felder am Flussrand, Bild: Claudius Günther, 2020

Das Dorf lebt vom Wasser des Flusses, er ist ihre Lebensgrundlage. Dieser überflutete zu jeder Regenzeit die Gegend und ein gewaltiges Haor entstand. Mit der Flussbegradigung hat´der Staat nun Neuland geschaffen, doch der Fluss ist damit unberechenbarer geworden. Seit dem der alte Flußlauf zerstört wurde, passieren nun die Überschwemmungen des Flusses jedes Jahr völlig unkontrolliert, sind zielloser und entstehen abrupt. Statt das die Gegend zur Überschwemmungslandschaft wird, sind Teile am Fluss Orte ständiger Überflutungskatastrophen.

Seitdem der Fluss ein neues tiefes Bett bekommen hat, wird das Wasser für den Reisanbau nun das ganze Jahr genutzt. Das geschieht durch Tiefpumpsysteme, die dafür sorgen, dass die Gegend ihre Grundwasserreserven verliert, ihr Spiegel verliert Jahr für Jahr an Höhe und den Grundwasserspiegel zu erreichen wird nur noch für Großbauern rentabel, die sich solche Bohrtiefen auch bohren lassen können. Diese müssen bis 300 Fuss also etwa 100 Meter tief gebohrt werden. Normale Bauern können sich Pumpen nur für eine Tiefe bis zu 20 Metern leisten. Deshalb werden auch neue Methoden in der Landwirtschaft ausprobiert. Flüsse werden an Stellen intensiver Landwirtschaftsnutzung aufgestaut, sehr zum Nachteil der Nutzer des Flusses am Unterlauf, die nur noch vor einem Rinnsal von Wasser stehen.

Bukuri para, ein Dorf am veränderten Flusslauf

Bukuri para ist das, was man ein abgelegenes Dorf nennen könnte. Die Einwohner wohnen hier etwa seit 50 Jahren, es gibt heute im Dorf 30 Haushalte, die vom Fluss und seinem Wasser Landwirtschaft betreiben können. In den letzten 25 Jahren hat sich der Fluss zwar um einige Hundert Meter vom Dorf wegbewegt, aber dadurch entstanden neue Ackerflächen, die sie nun als Pachtland vom Staat günstig pachten können. Der Acker besteht zwar vor allem aus Schwemmsand und ist nicht sehr fruchtbar, aber ein wenig Ackerbodenaufbau hilft ihnen, ihr neues Land zu bestellen. Obwohl das Land jedes Jahr neu vom Staat gepachtet werden muss, haben sie aufgrund eines besonderen Community Schutzes das Erstanrecht auf seine Nutzung.

Wenn der Flusslauf sich ändert vergrössert sich auch unter Umständen die Ackerfläche am Dorfrand. Bild: Claudius Günther, 2020

Wie kam der neue Flußlauf zu Stande?

Vor 25 Jahren bildete der Fluss zuerst eine Sandbank. Diese wurde dann zum Damm und ließ den Fluss weiter dorfabseitig ein neues Flussbett finden. Nun fühlen sie sich vor dem Fluss zwar ein wenig sicherer also noch vor ein paar Jahren, aber der Fluss ändert alle drei Jahre sein Bett und so ist auch hier die Situation ungewiss. Manchmal kommt zur Regenzeit auch das Wasser in ihr Dorf und macht es unbewohnbar. Dann ziehen sie für 10 bis 15 Tage aus und kommen wieder, wenn das Wasser zurückgeht.

Ist es ihnen möglich das Land vom Staat zu kaufen?

Land vom Staat kaufen geht nur, wenn man Erspartes hat. Diese Möglichkeit besteht jedoch im Dorf nicht, weil sie von der Hand in den Mund leben. Manchmal können sie ein wenig überschüssige Milch an Mittelsmänner verkaufen, die regelmäßig ins Dorf kommen. Ein Liter bringt etwa 30 cent ein, jedoch geben die Kühe kaum mehr als 1-2 Liter Milch am Tag. Deshalb bleibt der Tagelohn eine der wichtigsten Einkunftsmöglichkeiten des Dorfes. Wenn ein Reisfeld eines bengalischen Bauern etwa 40 Kilo Reis abwirft, so bekommen sie zur Erntezeit davon 7, 8 kg als Lohn.

Das Dorf befindet sich etwa einen Kilometer von der nächsten Schule entfernt, doch der Tagelohn, bei dem alle Familienmitglieder eingebunden werden, macht es den Kindern oft unmöglich, in die Schule zu gehen. Sie werden auf den Feldern gebraucht.

Mit dem Verlust von Wald in der gesamten Gegend, der dem Acker weichen mußte, gehen den Santal auch die traditionellen Orte des Alltages verloren. Der Wald war ihre Einkommensquelle wie ihre Hausapotheke. Nun übernehmen die Apotheken diese Aufgabe mit mäßigem Erfolg. Hauptsächliche Krankheiten sind Diabetes und Herzkrankeiten, Hand- und Fußbeschwerden durch die Barfußarbeit in den feuchten Reisfeldern. Ausserdem plagt viele die Verdauung, vor allem Magensäure (acidity) ist ein häufiges Problem.

Die Hauptursachen sehen sie in den Pestiziden aber auch das veränderte Klima (abu hawo). Nahrungswerte gehen mit dem neuen Essen verloren, das vorher der Wald spendete. Kleine

Entzündungen werden zu unheilbaren offenen Stellen. Bisher unbekannte Krankheiten kommen ins Dorf. Auf die Frage nach ihren Zukunftsplänen haben sie nur ein Kopfschütteln parat. Es gibt keine Erwartungen für die Zukunft. Es wäre schon gut, wenn es so bleibt, wie es bisher ist. Würde man sich etwas aufbauen, käme die Flut und nehme alles mit. Zur Flutkatastrophen gebe es nur wenig Hilfe vom Staat. Würde Kälte hereinbrechen, werden kostenlos Decken verteilt. Als Neuerung war zu verkünden, dass neuerdings Strom ins Dorf gekommen sei. Wie dieser das Leben hier ändert, bleibt abzuwarten.

Bashkore, eine Santalsiedlung inmitten der Felder

In Bashkore gibt es 56 Haushalte. Sie wurden hier nach den Befreiungskrieg von 1970/71 angesiedelt, vorher lebten sie in Bihulgonj, nicht weit voh hier. Zur Feldarbeit wird ihnen vom Staat kas Land verteilt, das sich in die Katergorien kas 1 und kas 2 teilt. Vor dem Freiheitskrieg gab es in der Gegend vor allem Wald, dieser aber ist nun vollständig den Feldern gewichen. Was wir hier von den Dorfbewohnern zu hören bekamen, glich den Erzählungen aus den anderen Dörfern.

Als die Santal hier ankamen, lebten sie vom Wald, die wilde Kartoffel wurde hier gefunden und war wichtige Nahrungsquelle. Krankheitsbilder wie Herzrythmusstörungen, Herzschläge, Magensäure und Rheuma, gab es früher unter ihnen nicht. Früher wurden die Menschen auch älter. Das Sterbealter lag bei 80 Jahren, nun aber sterben die Leute mit 60 oder 70 Jahren. Man wird nicht mehr satt von den heutige Lebensmitteln, mit dem Gift im Essen. Die Waldkultur der Santal ist vergangen, so auch ihre Traditionen (kište). War früher das Erntefest zohrai eines der wichtigsten Ereignisse der gemeinschaft und dauerte gut und gerne 8 Tage, so sind die zohrai Feste heute nur kurz. Ein jeder ist mit sich und seiner Arbeit auf den Feldern beschäftigt, keiner feiert mehr das zohrai so richtig. Auf ihre Kultur angesprochen führen sie aus, in ihrem Dorf gibt es jetzt zwei Kulturen, die Christliche und die ihrigen eigentliche Sunaton. In ihrem Dorf sind die Mehrheit Christen und nur zwei Familien Sunaton. Die Christlichen haben dabei einen Großteil ihrer Kultur aufgegeben was ein kulturelles Loch in die Gemeinschaft reißt. Wenn Traditionen verloren gehen, ist Selbsthilfe auch kaum mehr möglich.

Auf das Klima angesprochen bemerken sie, dass der Regen und die vermehrte Kühle die Mango Bäume kaputt machen. Die Bäume wurden früher größer, es fehlt an Sauerstoff in der Luft. Temperaturextreme nehmen zu. Heute müssen alle Obstbäume in chemische Behandlung, früher mussten sie im Wald das nicht machen.

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