Unterwegs zu den Kalasha

Karl Wutt besuchte die Kalascha im östlichen Hindukusch zum ersten Mal im Jahr 1973. Vom Tschitral-Fluss (der in Afghanistan Kunar heißt) war es eine Tagesreise zu Fuß bis zu den ersten Kalascha-Dörfern. Schon damals erhielt er in Bleistift ausgeführte Zeichnungen (er hatte ein Skizzenbuch bei sich). Bei seinen folgenden Besuchen besorgte er sich das Zeichenmaterial, Zeichenhefte und Stifte, auf der Anreise in Peshawar und auf dem Basar von Tschitral. Über die Jahre kamen 250 Drawing Books zusammen. Die meisten im Format von etwa 30x25cm, so dass sie im Rucksack Platz fanden. Mehr als zweihundert Personen haben in diesen Heften gezeichnet: Männer, Frauen, Kinder, Junge und Alte. Diese Zeichnungen der Kalascha, die Karl Wutt angeregt hat, leiten sich her von Schnitzereien, von Rußmalereien der Klanhäuser und von Felszeichnungen. Für Karl Wutt sind sie eine eigene Art von Sprache: „Diese Zeichnungen sind der Schrift nicht unterlegen und man erfährt durch sie anderes als aus mündlicher Kommunikation.“ Aus diesen Zeichnungen entstand in der edition-tethys ein Buch.

Die im Buch präsentierten Zeichnungen sind eine kleine Auswahl der zwischen 1973 und 1997 entstandenen Zeichnungen. Diese Auswahl haben wir in vielen gemeinsamen Sitzungen zusammen mit Karl Wutt getroffen. Wir danken Karl für sein Vertrauen, seine Großzügigkeit und die vielen Stunden, die wir bei ihm daheim in Wien, unter einer Kastanie und inmitten seiner faszinierenden Sammlung mit ihm verbringen durften: 20 Jahre nach unserer ersten Begegnung als „kleine Buben“ in Wien, in der Akademie der bildenden Künste, in die uns Ingeborg Baldauf – eine frühere Studienkollegin Karls und damals unsere Professorin in Berlin – auf einer Wien-Exkursion mitgenommen
hatte. Karl war gerade dabei eine Ausstellung mit seinen Fotografien und Zeichnungen vorzubereiten. Wir junge
Studenten der Mittelasien-Wissenschaften erhielten so erste Einblicke in die Bilderwelten Karl Wutts.

Dieses Buch wollen wir nun unter den Kalasha verteilen, damit die Bilder zurück zu ihren Autor*innen und ihren Verwandten kommen. Dazu reisen wir im Mai 2022 für 4 Wochen nach Pakistan und verbringen in den Tälern der Kalasha unsere Zeit mit ihnen. Wir werden mit ihnen sprechen über die Probleme heute, über den Klimawandel in ihren Tälern, die immer wieder drohende Islamisierung ihrer Ethnie und vieles andere mehr. Wir, das sind der Künstler Claudius Günther, die Fotografin Jale Günther und ihr Vater der Ethnologe Olaf Günther. Dieses Projekt, d.h. die Zeichnungen der Kalasha, Fotos aus ihrem Alltag von 1970 bis heute und Zeichnungen zum Leben der Kalasha werden wir anschließend im Juli 2022 in einer Ausstellung in Prag anlässlich der Internationalen Konferenz zu Zentralasien und Tibetstudien und wenn möglich auch an anderen Orten präsentierten. Die Ausstellung in Prg verfolgt eine Rekontextualisierung der Kalasha im heute und im morgen. Denn bisher wurde von ihnen vor allem die Vergangenheit thematisiert.

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